Derzeit ist etwa jeder dritte Europäer slawischer Abstammung. Es ist
merkwürdig, dass dieses Faktum in Europa eigentlich wenig bekannt ist. Auch in
der Antike finden sich bis zur Zeit der Völkerwanderung nur wenige Hinweise auf
das Vorhandensein der Slawen. Die Historiker und Geographen, welche die damals
bekannte Welt beschrieben, berichteten dagegen eingehend über keltische,
illyrische und germanische Volksstämme.
Das hatte mehrere Ursachen. Eine der wichtigsten mag der Umstand gewesen
sein, dass die Ethnogenese bei den Slawen weitaus später als bei den Kelten oder
Germanen eingetreten ist. Auch lagen die Schauplätze dieses Geschehens außerhalb
der Interessensphäre der antiken Welt in den entlegenen Gegenden Osteuropas,
wohin selbst die unternehmungsbereiten Kaufleute kaum vorstießen. Diese kannten
vor allem den Südteil des europäischen Russlands und nannten ihn nach den damals
bekannten Völkerschaften Skythien oder Sarmatien.
Die Gemeinsamkeit der Slawen basiert, stärker als bei Germanen und Romanen,
auf der Verwandtschaft der Sprachen und weniger auf einem gemeinsamen Kulturerbe
wie z.B. bei den Griechen und Romanen oder den früh entwickelten und lange
festgehaltenen Rechtsvorstellungen wie bei den Germanen.
Der Name der Slawen ist seiner Herkunft nach weder vom gemeinslawischen „slowo”
(das bedeutet „Wort”), oder „slawa” (das bedeutet „Ruhm”), noch in der Ableitung
von einem urslawischen Ortsnamen gesichert. Allerdings lebt das Wort SLAWEN in
abgewandelter Form in den Namen einzelner slawischer Stämme und Völker bis in
die Gegenwart fort, z.B. Slowenen, Slowaken, Slowinzen.
Über Sprache und Einrichtungen in der Frühzeit ist nichts Sicheres bekannt.
Die Berührung mit den Goten im 4. Jh. hatte einige gotische Lehnwörter zur
Folge.
Im 5. und 6. Jh. wanderten die Slawen aus ihrer Urheimat aus und zwar in
nordwestlicher und südwestlicher Richtung, vor allem nach Südosteuropa und in
den Balkan, sowie nach Westen bis an die Elbe und darüber hinaus, wo sie unter
dem Namen Elbslawen im 8. Jh. nachweisbar sind. Durch diese Wanderungen und
besonders durch den Einbruch der Magyaren, der Ende des 9. Jh. erfolgte, wurde
der Zusammenhang der Slawen gesprengt und sie wurden in West-, Ost- und
Südslawen getrennt.
Zusammen mit den Balten, Germanen, Kelten , Romanen, Griechen, Albanern,
Iranern und Indern zählen die Slawen zum großen Sprachstamm der Indoeuropäer,
dem auch einige ausgestorbene Gruppen, z.B. die Hethiter (Anatolier) und Illyrer
angehörten. Als selbständiger Komplex spalteten sich die Slawen jedoch von der
ursprünglichen Einheit zuletzt ganz ab und bildeten den jüngsten Zweig des
indoeuropäischen Stammes. Weitere Spaltungen des Sprachstammes erfolgten in das
Griechische, Armenische, Thrakische und sukzessive in das Italische, Germanische
und Illyrische. Die ursprünglich einheitliche baltoslawische Sprache spaltete
sich schließlich in die baltische und slawische Sprache.
Über die zeitliche Entwicklung der Sprachen ist nichts bekannt, aber
wahrscheinlich haben sich die Slawen als ethnische Spracheinheit zuletzt
entwickelt. Deshalb war noch im Frühmittelalter nur eine slawische
Einheitssprache (lingua slavicas) bekannt, die im 6. bis 10. Jh. von allen
Slawen zwischen Ostsee und Ägäis, sowie zwischen Elbe und Dnjepr mit geringen
mundartlichen Abweichungen der West-, Ost- und Südslawen gesprochen wurde.
Erst nach Konsolidierung der neuen Wohnsitze und Entstehung der ersten
Slawenstaaten im 9. bis 10. Jh. begannen sich infolge der geographischen,
politischen und kulturellen Differenzierungen die bis heute gebräuchlichen
Nationalsprachen zu entwickeln. Insgesamt entstanden zwölf Sprachen, die in drei
Gruppen zusammengefasst wurden.
Da die ältesten Zeiten nur geringe Anhaltspunkte für die Chronologie
sprachlicher Phänomene ergeben, erwartet man Hilfe von der Archäologie, die in
den letzten Jahrzehnten die kulturellen Entwicklungen der mutmaßlichen
Slawenurheimat verfolgen und immer feinere Nuancen darstellen.
Neben der Historiographie ist es aber auch die Sprachwissenschaft, die große
Anstrengungen unternimmt, um den geheimnisvollen Schleier der über den Slawen
liegt zu lüften. |