DER BÖHMISCHE PREMYSLIDENSTAAT ALS ERBE DES GROSSMÄHRISCHEN REICHES
Bis zum 9. Jh. stand Böhmen am Rande der geschichtlichen Entwicklung,
verborgen inmitten eines Kranzes von Grenzgebirgen und Wäldern, immer noch in
der durch Sagen mythischen Zeit schwebend. Sein Territorium gliederte sich in
natürliche landschaftliche Komplexe, die jeweils von Stammesgruppen bewohnt
wurden.
Am wichtigsten waren die Tschechen, die das strategisch wichtige
Landeszentrum an der unteren Moldau beherrschten und hier nach und nach ihre
namhaftesten Burgen errichteten.
Die Anwesenheit von Böhmen und Mährern 822 beim Reichstag zu Frankfurt, 845
dann sogar die Taufe von 14 böhmischen Fürsten in Regensburg, beweist zugleich
die erheblich zersplitterte politische Organisation Böhmens.
Die zu Beginn des 12.Jh. von dem Chronisten Cosmas von Prag
niedergeschriebenen Sagen betreffen allein den Stamm der Tschechen.
Sie erzählen vom einstigen Herrscher Krok und dessen drei Töchtern, von denen
die jüngste, Libusa, mit weissagender Kraft bedacht war und nach dem Tod ihres
Vaters die Regierung antrat. Die Männer waren jedoch mit der Frauenherrschaft
unzufrieden und bewogen Libusa den Premysl zu ehelichen, der damit zum Gründer
der herrschenden Premysliden-Dynastie wurde. Cosmas zählt zwar die Erbfolge bis
zur historischen Zeit auf, weiß jedoch nichts Näheres zu berichten. In der Mitte
des 9. Jh. entbrannte eine Stammesfehde zwischen den Tschechen und den vom
ehrgeizigen Fürsten Vlastislav geführten Stamm der Lucanen. Diese Stammesfehde
prägte sich in das Gedächtnis des Volkes als ein Ereignis ein, das für die
weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Es war eine der
wichtigsten Etappen im Vereinigungsprozess.
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Angriffe auf Mitteleuropa im 9. - 10. Jh.
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Die politische Gliederung Mitteleuropas im 10. Jh.
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Im Jahr 873 erwähnen westliche Quellen noch fünf böhmische Fürsten. Später
wurde ihnen noch Fürst Borivoj zugeordnet. Mit ihm betrat der erste historische
Herrscher die Szene. Den altslawischen Legenden nach nahm er das Christentum an.
Vielleicht direkt von Method, um die Wende von 869/870.
Borivoj beherrschte noch nicht das ganze Land. Vermutlich befanden sich nur
Mittel- und Nordwestböhmen in seinen Händen. Die Taufe, die er zusammen mit
seiner Gattin Ludmilla empfing, löste überdies eine heidnische Reaktion aus und
zwar den Aufstand des Fürst Strojmir, bei dem auch politische Aspekte mit im
Spiel gewesen sein dürften, nämlich der Widerwille gegen eine gewisse
Abhängigkeit von Mähren. Diese Abhängigkeit wuchs nach und nach, zumal unter
Fürst Svatopluk. Doch es blieb nur eine Episode, denn nach Svatopluks Tod (894)
einigten sich die böhmischen Fürsten auf dem Reichstag in Regensburg mit Kaiser
Arnulf von Kärnten über ihre Unabhängigkeit von Mähren. Die weitere politische
und kulturelle Entwicklung Böhmens orientierte sich also definitiv nach dem
Westen.
Der Grad der Vereinigung der Tschechen wird im ausklingenden 9. Jh. dadurch
charakterisiert, dass am Reichstag nur noch zwei Fürsten aus Böhmen teilnahmen:
Borivojs Nachfolger Fürst Spytihnev und ein nicht näher bekannter Vitislav, am
ehesten Herrscher über die Stämme Ostböhmens, die sich noch im 10. Jh. ein
gewisses Maß an Selbständigkeit bewahrt hatten, obwohl sie nominell die
Oberhoheit der Premysliden anerkannten.
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Nach dem Fall des Großmährischen Reiches anfangs des 10. Jh. hatte sich der
Schwerpunkt des Geschehens nach Böhmen verlagert und die Macht der Premysliden
strahlte weit nach Osten bis in das Zentrum des untergegangenen mährischen
Staates aus. Ihr kulturelles und politisches Prestige erfuhr in den Augen des
christlichen Europas eine besondere Aufwertung, als aus diesem Herrscherhaus die
beiden ersten tschechischen Heiligen hervorgegangen waren: die hl. Ludmilla,
Borivojs Gattin, die von ihrer Schwiegertochter Drahomira ermordet wurde und der
Enkel Vaclav I., der hl. Wenzel, Schutzheiliger von Böhmen, der 929 (oder 936)
von seinem jüngeren Bruder Boleslav ermordet wurde. Die Verehrung des hl.
Wenzel, einer bemerkenswert gebildeten Persönlichkeit, die schon im 10. Jh. in
manchen altslawischen und auch lateinischen Legenden verherrlicht wurde, griff
bald nach West und Ost über und wurde zum Symbol der böhmischen staatlichen
Eigenständigkeit.
Die böhmische Königskrone führt die Bezeichnung „Wenzel-Krone”.
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Unter König Boleslav II., im Jahr 973, wurde das Bistum Prag als ein
wichtiger Beitrag zum Werdegang des böhmischen Staates gegründet. Äußerlich war
Böhmen zwar in das Reich integriert, aber es führte ein unabhängiges politisches
Eigenleben. Das wurde auch von der selbständigen kirchlichen Organisation
unterstrichen, welche die bisherige Abhängigkeit von Regensburg beseitigte. Der
erste Bischof von Prag war Adalbert (Vojtech) und das führte zu neuen
Konflikten.
Adalbert war im ostböhmischen Libice als Spross der Fürstenfamilie der
Slavnikiden geboren worden. Diese hatte sich bis dahin sehr erfolgreich gegen
die tschechischen Einigungsbestrebungen gewehrt. Der Bischof, ein asketischer
Mann, der auch die Freundschaft des jungen deutschen Kaisers Otto III. gewann,
wurde in Prag angefeindet und musste nach Aufständen gegen ihn aus seinem
Bischofssitz fliehen. Auf einer Missionsfahrt 997 wurde er von den heidnischen
Pruzzen (Preußen) ermordet. Inzwischen hatte Boleslav II. die Gelegenheit
genützt, die Slavnikiden als Rivalen auszuschalten.
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Die europäische Ausdehnung ab dem Jahr 1000
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Deren Fürst Sobeslav war an der Seite von Deutschen und Polen 995 gegen die
aufständischen Elbslawen gezogen. Boleslav nützte seine und die Abwesenheit des
Heeres zu einem Überfall auf Libice. Dabei wurden alle anwesenden
Angehörigen des Slavnikidengeschlechts umgebracht. Sobeslav musste deshalb
fliehen und fand in Polen Asyl.
Die Tschechenfürsten weiteten nun über die Gebiete Ostböhmens hinaus ihre
Macht nach Schlesien aus und gerieten dadurch mit Polen in Konflikt. |