Ein historischer Querschnitt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Völkerwanderung
Kriegswesen
Landwirtschaft
Handwerk und Handel
Kulturelle Entwicklung
Recht
Sozialordnung
Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges der Slawen
Wendenkreuzzug - Christianisierung und Germanisierung
Die große Expansion der Slawen
Balkanvorstoß
Die Osmanen
Die Kroaten
Die Slowenen
Mährische Reich
Die Serben
Der böhmische Premyslidenstaat als Erbe des grossmährischen Reiches
Der polnische Piastenstaat
Die slawische Expansion nach Osteuropa
Die Anfänge des Kiewer Reiches
Die Rolle der normannischen Waräger in der Geschichte der Ostslawen
Epilog
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DER BÖHMISCHE PREMYSLIDENSTAAT ALS ERBE DES GROSSMÄHRISCHEN REICHES

Bis zum 9. Jh. stand Böhmen am Rande der geschichtlichen Entwicklung, verborgen inmitten eines Kranzes von Grenzgebirgen und Wäldern, immer noch in der durch Sagen mythischen Zeit schwebend. Sein Territorium gliederte sich in natürliche landschaftliche Komplexe, die jeweils von Stammesgruppen bewohnt wurden.

Am wichtigsten waren die Tschechen, die das strategisch wichtige Landeszentrum an der unteren Moldau beherrschten und hier nach und nach ihre namhaftesten Burgen errichteten.

Die Anwesenheit von Böhmen und Mährern 822 beim Reichstag zu Frankfurt, 845 dann sogar die Taufe von 14 böhmischen Fürsten in Regensburg, beweist zugleich die erheblich zersplitterte politische Organisation Böhmens.

Die zu Beginn des 12.Jh. von dem Chronisten Cosmas von Prag niedergeschriebenen Sagen betreffen allein den Stamm der Tschechen.

Sie erzählen vom einstigen Herrscher Krok und dessen drei Töchtern, von denen die jüngste, Libusa, mit weissagender Kraft bedacht war und nach dem Tod ihres Vaters die Regierung antrat. Die Männer waren jedoch mit der Frauenherrschaft unzufrieden und bewogen Libusa den Premysl zu ehelichen, der damit zum Gründer der herrschenden Premysliden-Dynastie wurde. Cosmas zählt zwar die Erbfolge bis zur historischen Zeit auf, weiß jedoch nichts Näheres zu berichten. In der Mitte des 9. Jh. entbrannte eine Stammesfehde zwischen den Tschechen und den vom ehrgeizigen Fürsten Vlastislav geführten Stamm der Lucanen. Diese Stammesfehde prägte sich in das Gedächtnis des Volkes als ein Ereignis ein, das für die weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung war. Es war eine der wichtigsten Etappen im Vereinigungsprozess.

Angriffe auf Mitteleuropa im 9. - 10. Jh.


Die politische Gliederung Mitteleuropas im 10. Jh.

Im Jahr 873 erwähnen westliche Quellen noch fünf böhmische Fürsten. Später wurde ihnen noch Fürst Borivoj zugeordnet. Mit ihm betrat der erste historische Herrscher die Szene. Den altslawischen Legenden nach nahm er das Christentum an. Vielleicht direkt von Method, um die Wende von 869/870.

Borivoj beherrschte noch nicht das ganze Land. Vermutlich befanden sich nur Mittel- und Nordwestböhmen in seinen Händen. Die Taufe, die er zusammen mit seiner Gattin Ludmilla empfing, löste überdies eine heidnische Reaktion aus und zwar den Aufstand des Fürst Strojmir, bei dem auch politische Aspekte mit im Spiel gewesen sein dürften, nämlich der Widerwille gegen eine gewisse Abhängigkeit von Mähren. Diese Abhängigkeit wuchs nach und nach, zumal unter Fürst Svatopluk. Doch es blieb nur eine Episode, denn nach Svatopluks Tod (894) einigten sich die böhmischen Fürsten auf dem Reichstag in Regensburg mit Kaiser Arnulf von Kärnten über ihre Unabhängigkeit von Mähren. Die weitere politische und kulturelle Entwicklung Böhmens orientierte sich also definitiv nach dem Westen.

Der Grad der Vereinigung der Tschechen wird im ausklingenden 9. Jh. dadurch charakterisiert, dass am Reichstag nur noch zwei Fürsten aus Böhmen teilnahmen: Borivojs Nachfolger Fürst Spytihnev und ein nicht näher bekannter Vitislav, am ehesten Herrscher über die Stämme Ostböhmens, die sich noch im 10. Jh. ein gewisses Maß an Selbständigkeit bewahrt hatten, obwohl sie nominell die Oberhoheit der Premysliden anerkannten.

Nach dem Fall des Großmährischen Reiches anfangs des 10. Jh. hatte sich der Schwerpunkt des Geschehens nach Böhmen verlagert und die Macht der Premysliden strahlte weit nach Osten bis in das Zentrum des untergegangenen mährischen Staates aus. Ihr kulturelles und politisches Prestige erfuhr in den Augen des christlichen Europas eine besondere Aufwertung, als aus diesem Herrscherhaus die beiden ersten tschechischen Heiligen hervorgegangen waren: die hl. Ludmilla, Borivojs Gattin, die von ihrer Schwiegertochter Drahomira ermordet wurde und der Enkel Vaclav I., der hl. Wenzel, Schutzheiliger von Böhmen, der 929 (oder 936) von seinem jüngeren Bruder Boleslav ermordet wurde. Die Verehrung des hl. Wenzel, einer bemerkenswert gebildeten Persönlichkeit, die schon im 10. Jh. in manchen altslawischen und auch lateinischen Legenden verherrlicht wurde, griff bald nach West und Ost über und wurde zum Symbol der böhmischen staatlichen Eigenständigkeit.
Die böhmische Königskrone führt die Bezeichnung „Wenzel-Krone”.

Unter König Boleslav II., im Jahr 973, wurde das Bistum Prag als ein wichtiger Beitrag zum Werdegang des böhmischen Staates gegründet. Äußerlich war Böhmen zwar in das Reich integriert, aber es führte ein unabhängiges politisches Eigenleben. Das wurde auch von der selbständigen kirchlichen Organisation unterstrichen, welche die bisherige Abhängigkeit von Regensburg beseitigte. Der erste Bischof von Prag war Adalbert (Vojtech) und das führte zu neuen Konflikten.

Adalbert war im ostböhmischen Libice als Spross der Fürstenfamilie der Slavnikiden geboren worden. Diese hatte sich bis dahin sehr erfolgreich gegen die tschechischen Einigungsbestrebungen gewehrt. Der Bischof, ein asketischer Mann, der auch die Freundschaft des jungen deutschen Kaisers Otto III. gewann, wurde in Prag angefeindet und musste nach Aufständen gegen ihn aus seinem Bischofssitz fliehen. Auf einer Missionsfahrt 997 wurde er von den heidnischen Pruzzen (Preußen) ermordet. Inzwischen hatte Boleslav II. die Gelegenheit genützt, die Slavnikiden als Rivalen auszuschalten.

Die europäische Ausdehnung ab dem Jahr 1000

Deren Fürst Sobeslav war an der Seite von Deutschen und Polen 995 gegen die aufständischen Elbslawen gezogen. Boleslav nützte seine und die Abwesenheit des Heeres zu einem Überfall auf Libice. Dabei wurden alle anwesenden Angehörigen des Slavnikidengeschlechts umgebracht. Sobeslav musste deshalb fliehen und fand in Polen Asyl.

Die Tschechenfürsten weiteten nun über die Gebiete Ostböhmens hinaus ihre Macht nach Schlesien aus und gerieten dadurch mit Polen in Konflikt.

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© 2006 Michael Klobutschar Impressum & Literaturhinweise www.slawen-in-europa.eu.tf