Der Vorstoß auf den Balkan ist historisch relativ am besten belegt, denn hier
drang er in die damalige zivilisierte Welt der byzantinischen Kultursphäre ein.
Wenn das Byzantinische Reich auch bereits seit über einem halben Jahrtausend
untergegangen ist, so wird sein prägender Einfluss auf der Balkanhalbinsel bis
heute noch sehr deutlich verspürt.
Grundlage des byzantinischen Staates war einerseits die griechische Sprache
und Philosophie, anderseits das Christentum ostkirchlicher Prägung. Die
griechische Kultur und Lebensart breiteten sich zwar weit aus, doch die großen
byzantinischen kulturellen Werke in Malerei, Plastik, Baukunst und Musik
beeinflussten sogar das Abendland.
Als Erbteil des Byzantinischen Reiches sind aber nicht nur die großen
Kulturleistungen geblieben. Geblieben sind auch Herrscherkult und Titelwesen,
die enge Verzahnung von Religion und Politik und vor allem der starre
DOGMATISMUS. Dieser „Byzantinismus”, zusammen mit der Orthodoxie, wurde im
Mittelalter in fast alle Balkanländer und die größere Hälfte der slawischen Welt
exportiert. Er vermochte die nun folgende osmanische Herrschaft zu beeinflussen
und sie zu überdauern.
Sogar in der Gegenwart spielt er noch eine bedeutende Rolle. Fast scheint es,
als ob ein Phantom die westeuropäische Kultur verfolgen würde: „Das Phantom des
Balkans”. Um dieses Phantom zu exorzieren, sind schon viele Mächtige sonderbare
Allianzen eingegangen. Und damit gescheitert.
War es den byzantinischen Kaisern im 5. Jahrhundert noch gelungen, die Goten
und die Hunnen abzuwehren, so waren sie gegen die große Zahl der slawischen
Stämme machtlos. Seit dem 5. Jh. verließen immer mehr slawische Stämme nördlich
der Karpaten ihre Heimat und begannen, sich in den fruchtbaren Gebieten um die
Donau anzusiedeln. Und in byzantinischen Archiven begannen die Slawen erst zu
erscheinen, nachdem sie die Donau, diese Nordgrenze des Byzantinischen Reiches,
überschritten hatten.
Der byzantinische Historiker Prokop schrieb über dieses Eindringen der Slawen
: „Sie wollen sich niemals unter die Herrschaft eines Mannes begeben, denn sie
hätten seit alter Zeit in Demokratie gelebt und folglich wird alles, was ihr
Fortkommen betrifft, auf alle bezogen. Ihre Religion ist bestimmt durch die
Verehrung von Fluß- und Waldgeistern, sowie eines Gottes des Lichtes.”
Die geräuschlose Landnahme durch die Südslawen vollzog sich im 6. Jh über
einen längeren Zeitraum und erfasste den größten Teil der Balkanhalbinsel. Die
Stämme drangen bis nach Südgriechenland vor. Dort assimilierten sie sich mit der
heimischen Bevölkerung, während sie in den Gebieten des ehemaligen Jugoslawiens
und Bulgariens zur dominierenden Bevölkerungsgruppe wurden.
Im 7. Jh. fielen von Norden her die Bulgaren, ein kriegerisches Turkvolk,
heute als "PROTOBULGAREN " bezeichnet, in die slawischen Gebiete ein. Zum Zwecke
ihres Schutzes und ihrer Verteidigung gegen Byzanz schlossen die Bulgaren unter
Führung ihres Chans Asparuch mit den slawischen Stammesfürsten eine Vereinbarung
(Vertrag) ab, der als Gründungsakt des Ersten Bulgarischen Staates angesehen
wird. In diesem Staat bildeten die zunächst nomadischen Protobulgaren die dünne
Oberschicht, die ackerbauenden Slawen aber die große Mehrheit der Bevölkerung.
Aber bald kam es zu einer Verschmelzung der beiden Völker, bei der auch die
protobulgarischen Turksprache zugunsten der südslawischen Sprache verschwand.
Das Erste Bulgarische Reich bestand von 681 bis zur Unterwerfung unter
byzantinischer Herrschaft im Jahre 1018. Zur Zeit seiner Blüte im 9. und 10. Jh.
war es eines der großen und bedeutenden Reiche Europas. Es reichte vom schwarzen
Meer bis an die Adria und nördlich von Belgrad und hatte zeitweise eine
gemeinsame Grenze mit dem Fränkischen Reich.
Im 9. Jh. nahmen die Bulgaren unter Zar Boris I. das Christentum oströmischer
Prägung an und wenig später schufen die aus Saloniki stammenden „Slawenaposteln”
Kyrill und Methodios das erste kyrillische Alphabet. Die folgenden Jahrzehnte
gelten als das „Goldene Zeitalter” Bulgariens. Bestimmt war diese Zeit aber auch
durch die Rivalität mit dem Byzantinischen Reich, mit dem es immer wieder zu
kriegerischen Auseinandersetzungen kam.
Einmal besiegte der bulgarische Chan Krum den byzantinischen Kaiser
Nikephoros I. und ließ sich aus dem kaiserlichen Schädel ein silberbeschlagenes
Trinkgefäß machen. Ein anderes Mal war Kaiser Basileos II. der Sieger, der von
jeder Hundertschaft gefangener bulgarischer Soldaten neunundneunzig blenden und
dem hundertsten ein Auge ausstechen ließ und so die geschlagene Armee dem Zaren
Samuil zurückschickte. Diese grausame Vergeltung brachte ihm den Beinamen
„Bulgarentöter” ein.
Die Niederlage im Jahre 1018 besiegelte das Ende des Ersten Bulgarischen
Reiches. Es folgte eine lange Phase byzantinischer Fremdherrschaft, die den
ganzen südslawischen Raum in verstärktem Maße dem Einfluß der
griechisch-byzantinischen Kultur aussetzte. Im Jahre 1185 kam es zur Gründung
des Zweiten Bulgarischen Reiches mit der Hauptstadt Tarnovo. Dieses Reich erlebte
im frühen 13. Jh. unter Zar Ivan Asen II. eine bedeutende politische,
wirtschaftliche und kulturelle Blütezeit. |