Mährische Reich

Im großmährischen Reich übernahmen die Mährer viele kulturelle und künstlerische Anregungen aus dem karolingischen und auch aus dem byzantinischen Bereich. Nach Böhmen kamen solche Einflüsse verspätet, weil die Randgebirge die direkte Kommunikation mit den Nachbarn erschwerten, sodass Fremdimpulse den Umweg über Mähren nehmen mussten.

Nicht nur Fundmaterial, auch schriftliche Quellen bestätigen, dass zuerst die Mährer in engeren Kontakt zu den Karolingern traten. Ihre Beteiligung am Reichstag zu Aachen 822 ist belegt . Die erste Nachricht über die Mährer in den „Annales Fuldenes” besagt, dass vierzehn ihrer Edlen am Reichstag 845 zu Regensburg getauft wurden. Dies war der Beginn der Christianisierung. Verbindungen anderer Art dürften allerdings schon vorher bestanden haben.

Nach der Taufe der vierzehn mährischen Adeligen, wurden die Beziehungen zum Fränkischen Reich intensiver, doch gleichzeitig machten sich auch schon die ersten Separationstendenzen bemerkbar. Sie führten zu einem engeren Zusammenschluss der slawischen Stämme. Böhmen lehnte sich an Mähren an: Das Großmährische Reich entstand. Abgesehen vom Reich des Samos, einem fränkischen Kaufmann und Nichtslawen das nur kurze Zeit bestand , ist dieses Reich die erste große Staatsbildung der Westslawen.

Der Name Großmähren ist in den Papieren Kaiser Konstantins VII. Porphyrogennetos bezeugt. Über diesen Staat berichten aber auch Annalen des fränkischen Königreiches (Annalis regni Francorum), weiters die Fuldenser Annalen, mehrere päpstliche Urkunden, Quellen in altslowenischer Sprache und vor allem die mährischen Legenden.

Die Mährer gehörten in Europa zu jenen Völkern, die keine unmittelbare Berührung mit den Römern hatten. Ihr Land nahm etwa seit Anfang des 9.Jh. festere politische Formen an.

Die Christianisierung begann um 82O, die Slawenmission ging vor allem von den Diözesen Salzburg, Passau und Regensburg aus. Ostfränkisch-bayrische Mönche, Schüler der iro-schottischen Missionare, waren die Überbringer des Christentums. Bereits im Jahre 828 hatte der Erzbischof von Salzburg in Nitra (Slowakei) eine Kirche geweiht.

Schon Mojmir I., der den damaligen Herrscher Pribina aus Nitra vertrieb, versuchte, sich von der fränkischen Bevormundung zu lösen. Dem arbeitete Ludwig II. der Deutsche entgegen und erreichte, dass Mojmir von seinem Neffen Rostislav abgelöst wurde. Auch Rostislav scheint jedoch den fränkischen Einfluss nicht sehr geschätzt zu haben, denn er wandte sich mit dem Ersuchen um neue Missionare nicht nach Westen, sondern nach Byzanz. Im Jahre 862 kam die mährische Gesandschaft nach Byzanz. Der Inhalt der Bitte lautete:

„Viele christliche Lehrer aus Italien, Griechenland und Germanien sind zu uns gekommen, die uns Verschiedenes gelehrt haben. Aber wir Slawen sind ein einfaches Volk und haben niemand, der uns in der Wahrheit unterweisen und den Sinn der Schrift erklären könnte. Obwohl sich unser Volk vom Heidentum abgewendet hat und nun das christliche Gesetz beobachtet, haben wir keinen Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte. Darum schickt uns, Gebieter, einen solchen Bischof und Lehrer.”

Der byzantinische Kaiser Michael III. ordnete an, das Brüderpaar Konstantin und Michael zu entsenden. Wir kennen sie besser unter den Namen, die sie in der Folge angenommen haben: Kyrill und Method. Den beiden Brüdern war klar, dass ihre Mission nur dann Erfolg haben würde, wenn sie sich mit den Slawen in Wort und Schrift verständigen könnten. Sie übersetzten daher Teile der Bibel und liturgische Schriften in das „Altkirchenslawische”. Es war eine Literatursprache, die von den beiden Brüdern konstruiert wurde und zwar auf der Grundlage des ihnen von Jugend an vertrauten slawischen Dialektes von Thesaloniki, dem sie den Namen Glagoliza gaben.

Diese Schrift, auch glagolitische Schrift genannt und mit 36 Buchstaben, für die sie griechische, orientalische und westliche Buchstaben verwendeten, hatte neben ihrem Lautwert auch einen Zahlenwert. Die Mehrzahl der altkirchlichen slawischen Werke in glagolitischer Schrift wird in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt.

An den Küsten Kroatiens und auf der Insel Krk hielt sich die Glagoliza beim Gottesdienst als „kroatische” oder „eckige” Glagoliza in Sprache und Schrift bis in das 20. Jh., ansonst wurde sie ab dem 10. Jh. von der Kyrilliza abgelöst. Die Kyrilliza entwickelte sich für die griechisch-orthodoxen Slawen zur obligaten Schrift.

Durch die Orthographiereform Zar Peter I. wurde sie zu Beginn des 18. Jh. vereinfacht und der lateinischen Schrift angenähert. Bei der Schriftreform von 1918 noch weiter ausgefeilt, wird sie heute noch in Russland verwendet. Die Glagoliza verbreitete sich auch über Bulgarien nach Serbien und in das ukrainische Gebiet um Kiew. Noch im Hochmittelalter war es bei den orthodoxen Slawen eine Verkehrssprache. Die modernen ost- und südslawischen Sprachen bauen auf ihr auf.

GLAGOLIZA oder glagolithische Schrift


Die ursprüngliche GLAGOLIZA umfasste 36 Buchstaben. Sie wurden mit Federn auf Pergament geschrieben, oder mit Griffeln in verformbare Oberflächen eingeritzt.

Fürst Rostislav hatte die byzantinischen Missionare ins Land gerufen, weil er hoffte, damit den fränkischen Einfluß zu begegnen. Sein Neffe Swatopluk lieferte Rostislav aber 870 an Ludwig den Deutschen aus, dem er sich vier Jahre später selbst unterwarf. Trotz der Mission der Brüder aus Thesaloniki erstarkte in der Folge der fränkische Einfluss wieder so sehr, dass ein Franke katholischer Bischof von Neutra wurde und die Anhänger der slawischen Orthodoxie vertreiben ließ. Die Orientierung auf den lateinischen Westen bestimmte nun die weitere Entwicklung der mitteleuropäischen Slawen.

© 2006 Michael Klobutschar www.slawen-in-europa.eu.tf