DIE TRAGÖDIE DES NORDWESTLICHEN ZWEIGES DER SLAWEN
Die in den östlichen Gebieten des heutigen Deutschlands ansässigen Stämme
gehörten zu den Nord-Westslawen. Es handelte sich um die Völker der Obotriten,
der Ranen und der Wilzen im Norden, der Heveller, Sprevaren und Lusizer im
Gebiet von Havel und Spree und der Milzener und Sorben in der Region zwischen
Erzgebirge und Thüringen. Es gab außerdem noch die Main- und Rednitzwenden,
ansässig im Gebiet des heutigen Ober- und Mittelfranken. Östlich davon schloss
das Territorium der späteren Tschechen an.
Für die Westslawen im ostfränkischen Grenzgebiet setzte sich bald die
altrömische Bezeichnung „Wenden” durch. Über die ersten Stadien des slawischen
Vordringens ist sehr wenig überliefert, über Lebensweise, Religion und
Entwicklung des Sozialgefüges immerhin einiges. Außer Grabungsfunden, existieren
die schriftlichen Zeugnisse mehrerer mittelalterlicher Autoren, wie der Kleriker
Thietmar von Merseburg, Widukind von Corvey und des Reisenden Abraham Jacobson,
der sich im Jahre 973 n. Chr. mit der Gesandschaft des Kalifen von Cordoba am
Hofe des Sachsenkaisers Otto I. aufhielt.
Die grundsätzliche soziale Einheit der Slawen war das Dorf. Weide und
Ackerland wurden gemeinschaftlich besessen und genutzt. Bei den Wenden scheint
es, dass sie der Viehhaltung vor der Ackerwirtschaft immer den Vorzug gaben und
eine besondere Geschicklichkeit in der Bienenzucht entwickelten.
Entscheidungen und Aufsicht über den gesamten Wirtschaftsbetrieb eines Dorfes
oblagen dem Dorfältesten oder Starosten. Dörfliche Siedlungen lagen bevorzugt in
der Nähe von Burgen, die in Konfliktfällen eine Zufluchtsstätte boten. Es
entstanden förmliche Burgenketten. Aus dem Starosten war längst ein Burgherr und
schließlich ein Gaufürst oder Zupan geworden. Für Zwecke der militärischen
Verteidigung bildete sich eine eigene Kriegskaste. Die bisherige Beschreibung
der vergleichsweise hoch entwickelten Sozialordnung ist vorwiegend am Beispiel
der Obotriten erfolgt. Die östlicher und südlicher siedelnden Wilzen haben eine
vergleichbare Form des zentralistischen Zusammenschlusses nie erlangt. Gruppen-
und Stammeshändel gab es bei allen slawischen Völkern, auch darin unterschieden
sie sich nicht von den germanischen Nachbarn.
Die Slawen zogen den Krieg dem Frieden vor und achteten alles Elend gering.
Widukind von Corvey stellte dazu fest: „Dieser Menschenschlag ist nämlich hart
und scheut keine Anstrengung, gewöhnt an karge Nahrung, halten Slawen für eine
Lust, was uns als eine schwere Last erscheint. Die einen kämpfen für ihren
Kriegsruhm und die Ausdehnung ihrer Herrschaft, die anderen aber für ihre
Freiheit und gegen die schlimmste Sklaverei.”
Was die Umgangsformen anlangt, berichtet Helmold von Bosau, der an der Grenze
zu den Wenden als Priester wirkte: „Dass kein Volk, was Gastlichkeit anlangt,
ehrenwerter ist als die Slawen. Denn in der Bewirtung der Gäste sind alle eines
Sinnes und gleich eifrig, so dass niemand um eine gastliche Aufnahme zu bitten
braucht. Was sie durch Ackerbau, Fischerei und Jagd erwerben, geben sie mit vollen
Händen hin und preisen den als Tapfersten, der am meisten verschwendete, weshalb
viele durch die Sucht hierin Aufsehen zu erregen, sich sogar zu Diebstahl und
Raub verleiten lassen.” Widukind und Helmold waren parteiische Autoren. Ihr Ziel
war die Rechtfertigung der Christianisierung.
Aber Raubkriege waren sowohl bei den Slawen als auch bei den Germanen das
Übliche. Gefangene wurden als Sklaven gehalten oder verkauft, sofern man sie
nicht im Dienst der Religion hinschlachtete. In diesen Eigenschaften haben sich
die Slawen von ihren germanischen Nachbarn nicht unterschieden.
Die Religion scheint nach einer einfachen manichäischen Ordnung funktioniert
zu haben: Es gab einen lichten Gott, sowie dessen bösen und düsteren Widerpart,
Belbog und Czernibog. Auch von einer weiblichen Göttin namens Siwa ist die Rede,
einem Ernte- und Fruchtbarkeitsidol. Die großen religiösen Festlichkeiten
hielten sich eng an den Ablauf des Sonnenjahres. Es bestand eine Priesterkaste,
die sehr angesehen war. Weiße Rösser galten als heilige Tiere. Für Obotriten und
Wilzen bezeugt, sind verschiedene Tempelanlagen eines Gottes namens Swantewit.
Die Bestrebungen zur Christianisierung des Gebietes östlich der Elbe dauerte ca.
300 Jahre und waren so wie anderswo, eigentlich oft bloß der Vorwand oder das
Vehikel für rein imperiale Interessen.
Es gab vom 11. bis 13. Jh. insgesamt sieben große Kreuzzüge ins Heilige Land,
in das von muslimischen Seldschuken eroberte Palästina mit Jerusalem, der
heiligen Stadt der Christenheit. Dieses Gebiet sollte von christlichen Truppen
zurückgewonnen werden. Es gab zur gleichen Zeit kreuzzugähnliche Unternehmungen
auch anderswo und in anderer Richtung. Eine davon war der Wendenkreuzzug vom
Jahre 1147, den die norddeutschen Fürsten, unter Führung von Welfenherzog
Heinrich dem Löwen, gegen die slawischen Völkerschaften östlich der Elbe
durchführten. Er fand parallel zum zweiten Kreuzzug statt, an dem teilzunehmen
Papst Eugen III. dem Welfenherzog und seinen Verbündeten ihres ostelbischen
Abenteuers wegen erließ. Die Slawen waren durch die Völkerwanderung in die
devastierten Regionen östlich von Saale, Unstrut und Elbe eingesickert. |