DIE ANFÄNGE DES KIEWER REICHES
Das unermesslich weite russische Land wird von unzähligen Flüssen durchzogen.
Ihnen strömen die meisten Wasserläufe zu, die seit eh und je die Stämme des
hohen Nordens mit den großen Kulturen des Südens verbanden. Alle Wasser
vereinigen sich zu mächtigen Strömen, die sich schließlich in drei Meere
ergießen: in das Kaspische, Asowsche und Schwarze Meer.
Die slawischen Stämme schlossen diese lebensspendenden Flüsse ins Herz und
erwähnten sie in ihren Liedern und Heldensagen. Bis zum heutigen Tag benennen
sie die Flüssen mit Namen wie "Mütterchen Wolga", "Väterchen Dnjepr" und
„Väterchen Don”. Die fruchtbaren Ufer waren Nahrungsquellen, die Flüsse bildeten
die Wasserstraßen, auf denen die Menschen aus den Gebieten ihrer Stammheimat
zwischen Dnjepr und Dnjestr jahrhundertelang in die dünnbesiedelten Gebiete
Osteuropas zogen. Sie wurden auch von den Händlern aus fernen Ländern benützt.
Allerdings auch von fremden Kriegern.
Einer der wichtigsten Flüsse war der Dnjepr, der das Kernland des
ursprünglichen Slawengebietes entwässerte. Die antiken Griechen nannten ihn
Borysthenes und gründeten im nahegelegenen Schwarzmeerraum ihre
Handelsniederlassungen und Kolonien. Auch in byzantinischer Zeit war der Dnjepr
eine Handelsstraße. Besonders als sich die geschäftstüchtigen skandinavischen
Waräger des Handels mit fernen Ländern annahmen, verlief der größte Teil des
Weges von den Warägern zu den Griechen auf diesem Fluß. Die Handelsverbindungen
verzweigten sich auch über die Nebenflüsse des Dnjeprs nach Ost und West.
Auf diese Weise trat frühzeitig die günstig gelegene Gegend an der Grenze
zwischen Steppe und Waldzone, wo sich die Handelsstraßen von der Ukraine und
Belorussland zur Schwarzmeerküste kreuzten, in den Vordergrund. Hier entwickelte
sich vom 9. Jh. an der erste Staat der osteuropäischen Slawen mit seinem
politischen und kulturellen Zentrum K I E W . Das war auch der Grund, warum
dieser Staat die Bezeichnung KIEWER RUS führte.
Die Voraussetzungen zur Entwicklung zu einem Staat waren in erster Linie
wirtschaftliche und soziale Gegebenheiten, die Entwicklung wurde aber auch von
einem ständigen äußeren Druck durch Steppennomaden stark beeinflusst. Vor allem
waren dies die Awaren und Chasaren, später auch Magyaren, Petschenegen und
andere. Für die in viele kleine Stammesfürstentümer zersplitterten Slawen ergab
sich daraus die Notwendigkeit einer dauerhaften Vereinigung, durch die sie dem
äußeren Druck trotzen konnten.
Im 9. Jh. erschienen aus Skandinavien bewaffnete Handelstruppen, die über
Wolga und Dnjepr Anschluß an die reichen Kulturen des Vorderen Orients suchten.
Die bisherigen Verbindungen über Westeuropa und das Mittelmeer mit diesem Raum
erschienen durch arabischen Seeräuber immer mehr gefährdet.
Die Warägerbrüder Askold und Dir aus Skaninavien trafen in der zweiten Hälfte
des 9. Jh. mit starkem Gefolge im Kiewer Land ein. Sie schlossen ein Bündnis mit
dem dortigen Stamm der Poljanen, das zum Kern eines Verbandes zwischen dem
Slawenstamm und den Warägern wurde. Die Rolle der Skandinavier in diesem Prozess
ist immer noch Gegenstand ausführlicher Diskussionen unter Historikern und
Archäologen.
Am wahrscheinlichsten scheint zu sein, dass sich die Skandinavier aktiv in einen
Prozess eingeschaltet haben, der innerhalb der Slawengesellschaft schon im Gange
war. Sie halfen, diesen Prozess zu vollenden. Sicher war es keine gewaltsame
Unterwerfung, sondern ein freiwilliges Bündnis. Die Slawen nannten die durchwegs
aus Schweden kommenden Skandinavier "Warjagi". Aber der Name "RUS" der bald auf
das ganze Volk und Land der Slawen überging und aus dem sich schließlich der
Name „RUSSEN” entwickelte, ist Gegenstand von Mutmaßungen.
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Die Allianz der Waräger mit den Dnjepr-Slawen, die diese wichtige
Nord-Süd-Magistrale in den Schwarzmeerraum erschloss, wurde bald zu einer
unerwarteten Herausforderung für Byzanz. Schon 860 erschienen die Russen mit
ihren Schiffen vor Byzanz und bemächtigten sich in Abwesenheit von Kaiser
Michael III. der gerade mit den Arabern kämpfte, beinahe der ganzen Stadt. Die
Byzantiner sahen sich gezwungen, die neuen Gegner militärisch und politisch zur
Kenntnis zu nehmen. Sie schlossen deswegen auch Freundschaft mit den Chasaren, um
der Herausforderung einigermaßen begegnen zu können.
Allerdings öffnete sich das Kiewer Reich nach diesen Ereignissen der starken
kulturellen byzantinischen Ausstrahlung. Byzanz entsandte sogar Missionare,
sodass schon 864 in Kiew ein Bistum entstand. Diese Entwicklung endete jäh durch
das Eingreifen des Nowgoroder Fürsten OLEG der um 880 Kiew eroberte und das
aufkommende Christentum unterdrückte.
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Das Mongolenreich im 13. Jh.
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Andererseits bedeutete die Verbindung von Nowgorod und Kiew zugleich die
Verbindung von Ober- und Nieder-RUS und es entstand der eigentliche ALTRUSSISCHE
STAAT, der nach und nach alle OSTSLAWISCHEN STÄMME vereinigte. Die Gründung
dieses Altrussischen Staates ist mit dem Namen Olegs verknüpft, der die
Drewljanen, Sewerjanen und Radimitschen unterwarf und den Einfluss der Chasaren
ausschaltete. Er knüpfte auch engere Beziehungen zu Byzanz und schloss mit
Byzanz im Jahre 911 einen Handelsvertrag.
Doch Olegs Nachfolger Igor wollte wieder Kampf. 944 bemühte er sich, die
Mauern Konstantinopels zu erstürmen. Allerdings vergeblich. Als er mit einem
Schwarm seiner schmalen, schnellen Schiffe über den Bosporus segelte, schossen
die Byzantyner mit „griechischem Feuer”, einer Mischung aus Schwefel, Pech und
Erdöl, auf die angreifenden RUS und wehrten sie dadurch ab, wobei sie ihnen schwere
Verluste zufügten. Es blieb Igor schließlich nichts anderes übrig, als mit seinem
Nachbar im Süden friedlich zu leben.Kurz darnach kam Igor auf einem Kriegszug
gegen die Drewljanen, einem slawischen Volksstamm, der nördlich von Kiew
siedelte und ihm tributpflichtig war, ums Leben.
Olegs Einfluss wuchs noch mehr, als für den unmündigen Swjatoslaw dessen
Mutter, die energische und vorausblickende Fürstin OLGA von 945 - 969
regierte. In die RUS begann erneut das Christentum einzudringen, in Kiew entstand
die Kirche des hl. Elias und Olga empfing 957 in Konstantinopel die Taufe. Als
aber ihr Sohn Swjatoslaw (964-972) die Thronfolge antrat, kam es erneut zu
christenfeindlichen Reaktionen.
Swjatoslaw war ein tüchtiger Krieger, der die Grenzen seines Reiches
besonders nach Osten ausdehnte. Er unterwarf die Wjatitschen, den letzten
slawischen Stamm der sich der Gewalt der Kiewer Fürsten entzogen hatte,
zerstörte das Chasarenreich, besiegte auch die Wolga-Bulgaren und verschob die
Grenzen seines Staates bis an die Wolga, zum Kaukasus und zum Kaspischen Meer.
Sein Traum von der Gründung eines großen slawischen Reiches, das auch die
Balkanslawen mit einbeziehen würde scheiterte jedoch. Bei dem Feldzug gegen die
Donau-Bulgaren fand er selbst den Tod.
Swjatoslaws Sohn und Nachfolger WLADIMIR (980-1015), gab dem Kiewer Staat
jedoch die endgültige Gestalt. Er unterwarf abermals die aufsässigen
Radimitschen und Wjatitschen und dehnte die Staatsgrenze nach Westen bis
PRZEMYSL und GRODY in Südpolen aus.
Unter seiner Regierung wurde das Christentum angenommen und zwar in der
byzantinischen Form mit seinem prunkvollen Kult, der den skandinavischen und
slawischen Russen am stärksten imponierte. Unter dem Einfluss des bulgarischen
Klosters in Ohrid behauptete sich die slawische Sprache und Liturgie beim
Gottesdienst. Dieser Umstand förderte eine rasche Verbreitung des Christentums,
eine engere Verbindung zwischen den ostslawischen Stämmen und die endgültige
Slawisierung der Waräger. |