Ein historischer Querschnitt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Völkerwanderung
Kriegswesen
Landwirtschaft
Handwerk und Handel
Kulturelle Entwicklung
Recht
Sozialordnung
Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges der Slawen
Wendenkreuzzug - Christianisierung und Germanisierung
Die große Expansion der Slawen
Balkanvorstoß
Die Osmanen
Die Kroaten
Die Slowenen
Mährische Reich
Die Serben
Der böhmische Premyslidenstaat als Erbe des grossmährischen Reiches
Der polnische Piastenstaat
Die slawische Expansion nach Osteuropa
Die Anfänge des Kiewer Reiches
Die Rolle der normannischen Waräger in der Geschichte der Ostslawen
Epilog
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derStandard.at/dieEchtzeit|ung

DIE ANFÄNGE DES KIEWER REICHES

Das unermesslich weite russische Land wird von unzähligen Flüssen durchzogen. Ihnen strömen die meisten Wasserläufe zu, die seit eh und je die Stämme des hohen Nordens mit den großen Kulturen des Südens verbanden. Alle Wasser vereinigen sich zu mächtigen Strömen, die sich schließlich in drei Meere ergießen: in das Kaspische, Asowsche und Schwarze Meer.

Die slawischen Stämme schlossen diese lebensspendenden Flüsse ins Herz und erwähnten sie in ihren Liedern und Heldensagen. Bis zum heutigen Tag benennen sie die Flüssen mit Namen wie "Mütterchen Wolga", "Väterchen Dnjepr" und „Väterchen Don”. Die fruchtbaren Ufer waren Nahrungsquellen, die Flüsse bildeten die Wasserstraßen, auf denen die Menschen aus den Gebieten ihrer Stammheimat zwischen Dnjepr und Dnjestr jahrhundertelang in die dünnbesiedelten Gebiete Osteuropas zogen. Sie wurden auch von den Händlern aus fernen Ländern benützt. Allerdings auch von fremden Kriegern.

Einer der wichtigsten Flüsse war der Dnjepr, der das Kernland des ursprünglichen Slawengebietes entwässerte. Die antiken Griechen nannten ihn Borysthenes und gründeten im nahegelegenen Schwarzmeerraum ihre Handelsniederlassungen und Kolonien. Auch in byzantinischer Zeit war der Dnjepr eine Handelsstraße. Besonders als sich die geschäftstüchtigen skandinavischen Waräger des Handels mit fernen Ländern annahmen, verlief der größte Teil des Weges von den Warägern zu den Griechen auf diesem Fluß. Die Handelsverbindungen verzweigten sich auch über die Nebenflüsse des Dnjeprs nach Ost und West.

Auf diese Weise trat frühzeitig die günstig gelegene Gegend an der Grenze zwischen Steppe und Waldzone, wo sich die Handelsstraßen von der Ukraine und Belorussland zur Schwarzmeerküste kreuzten, in den Vordergrund. Hier entwickelte sich vom 9. Jh. an der erste Staat der osteuropäischen Slawen mit seinem politischen und kulturellen Zentrum K I E W . Das war auch der Grund, warum dieser Staat die Bezeichnung KIEWER RUS führte.

Die Voraussetzungen zur Entwicklung zu einem Staat waren in erster Linie wirtschaftliche und soziale Gegebenheiten, die Entwicklung wurde aber auch von einem ständigen äußeren Druck durch Steppennomaden stark beeinflusst. Vor allem waren dies die Awaren und Chasaren, später auch Magyaren, Petschenegen und andere. Für die in viele kleine Stammesfürstentümer zersplitterten Slawen ergab sich daraus die Notwendigkeit einer dauerhaften Vereinigung, durch die sie dem äußeren Druck trotzen konnten.

Im 9. Jh. erschienen aus Skandinavien bewaffnete Handelstruppen, die über Wolga und Dnjepr Anschluß an die reichen Kulturen des Vorderen Orients suchten. Die bisherigen Verbindungen über Westeuropa und das Mittelmeer mit diesem Raum erschienen durch arabischen Seeräuber immer mehr gefährdet.

Die Warägerbrüder Askold und Dir aus Skaninavien trafen in der zweiten Hälfte des 9. Jh. mit starkem Gefolge im Kiewer Land ein. Sie schlossen ein Bündnis mit dem dortigen Stamm der Poljanen, das zum Kern eines Verbandes zwischen dem Slawenstamm und den Warägern wurde. Die Rolle der Skandinavier in diesem Prozess ist immer noch Gegenstand ausführlicher Diskussionen unter Historikern und Archäologen.
Am wahrscheinlichsten scheint zu sein, dass sich die Skandinavier aktiv in einen Prozess eingeschaltet haben, der innerhalb der Slawengesellschaft schon im Gange war. Sie halfen, diesen Prozess zu vollenden. Sicher war es keine gewaltsame Unterwerfung, sondern ein freiwilliges Bündnis. Die Slawen nannten die durchwegs aus Schweden kommenden Skandinavier "Warjagi". Aber der Name "RUS" der bald auf das ganze Volk und Land der Slawen überging und aus dem sich schließlich der Name „RUSSEN” entwickelte, ist Gegenstand von Mutmaßungen.

Die Allianz der Waräger mit den Dnjepr-Slawen, die diese wichtige Nord-Süd-Magistrale in den Schwarzmeerraum erschloss, wurde bald zu einer unerwarteten Herausforderung für Byzanz. Schon 860 erschienen die Russen mit ihren Schiffen vor Byzanz und bemächtigten sich in Abwesenheit von Kaiser Michael III. der gerade mit den Arabern kämpfte, beinahe der ganzen Stadt. Die Byzantiner sahen sich gezwungen, die neuen Gegner militärisch und politisch zur Kenntnis zu nehmen. Sie schlossen deswegen auch Freundschaft mit den Chasaren, um der Herausforderung einigermaßen begegnen zu können.

Allerdings öffnete sich das Kiewer Reich nach diesen Ereignissen der starken kulturellen byzantinischen Ausstrahlung. Byzanz entsandte sogar Missionare, sodass schon 864 in Kiew ein Bistum entstand. Diese Entwicklung endete jäh durch das Eingreifen des Nowgoroder Fürsten OLEG der um 880 Kiew eroberte und das aufkommende Christentum unterdrückte.

Das Mongolenreich im 13. Jh.

Andererseits bedeutete die Verbindung von Nowgorod und Kiew zugleich die Verbindung von Ober- und Nieder-RUS und es entstand der eigentliche ALTRUSSISCHE STAAT, der nach und nach alle OSTSLAWISCHEN STÄMME vereinigte. Die Gründung dieses Altrussischen Staates ist mit dem Namen Olegs verknüpft, der die Drewljanen, Sewerjanen und Radimitschen unterwarf und den Einfluss der Chasaren ausschaltete. Er knüpfte auch engere Beziehungen zu Byzanz und schloss mit Byzanz im Jahre 911 einen Handelsvertrag.

Doch Olegs Nachfolger Igor wollte wieder Kampf. 944 bemühte er sich, die Mauern Konstantinopels zu erstürmen. Allerdings vergeblich. Als er mit einem Schwarm seiner schmalen, schnellen Schiffe über den Bosporus segelte, schossen die Byzantyner mit „griechischem Feuer”, einer Mischung aus Schwefel, Pech und Erdöl, auf die angreifenden RUS und wehrten sie dadurch ab, wobei sie ihnen schwere Verluste zufügten. Es blieb Igor schließlich nichts anderes übrig, als mit seinem Nachbar im Süden friedlich zu leben.Kurz darnach kam Igor auf einem Kriegszug gegen die Drewljanen, einem slawischen Volksstamm, der nördlich von Kiew siedelte und ihm tributpflichtig war, ums Leben.

Olegs Einfluss wuchs noch mehr, als für den unmündigen Swjatoslaw dessen Mutter, die energische und vorausblickende Fürstin OLGA von 945 - 969 regierte. In die RUS begann erneut das Christentum einzudringen, in Kiew entstand die Kirche des hl. Elias und Olga empfing 957 in Konstantinopel die Taufe. Als aber ihr Sohn Swjatoslaw (964-972) die Thronfolge antrat, kam es erneut zu christenfeindlichen Reaktionen.

Swjatoslaw war ein tüchtiger Krieger, der die Grenzen seines Reiches besonders nach Osten ausdehnte. Er unterwarf die Wjatitschen, den letzten slawischen Stamm der sich der Gewalt der Kiewer Fürsten entzogen hatte, zerstörte das Chasarenreich, besiegte auch die Wolga-Bulgaren und verschob die Grenzen seines Staates bis an die Wolga, zum Kaukasus und zum Kaspischen Meer. Sein Traum von der Gründung eines großen slawischen Reiches, das auch die Balkanslawen mit einbeziehen würde scheiterte jedoch. Bei dem Feldzug gegen die Donau-Bulgaren fand er selbst den Tod.

Swjatoslaws Sohn und Nachfolger WLADIMIR (980-1015), gab dem Kiewer Staat jedoch die endgültige Gestalt. Er unterwarf abermals die aufsässigen Radimitschen und Wjatitschen und dehnte die Staatsgrenze nach Westen bis PRZEMYSL und GRODY in Südpolen aus.

Unter seiner Regierung wurde das Christentum angenommen und zwar in der byzantinischen Form mit seinem prunkvollen Kult, der den skandinavischen und slawischen Russen am stärksten imponierte. Unter dem Einfluss des bulgarischen Klosters in Ohrid behauptete sich die slawische Sprache und Liturgie beim Gottesdienst. Dieser Umstand förderte eine rasche Verbreitung des Christentums, eine engere Verbindung zwischen den ostslawischen Stämmen und die endgültige Slawisierung der Waräger.

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© 2006 Michael Klobutschar Impressum & Literaturhinweise www.slawen-in-europa.eu.tf