Die Urheimat der Kroaten, das sogenannte Groß- oder Weißkroatien, lag einst
nördlich der Karpaten, im heutigen Südpolen und in der Weißukraine. Im 6. Jh.
formten sich lokale Kulturgruppen, die Hinweise für eine Differenzierung
zwischen dem kroatischen und dem slowenischen Element erblicken lassen. Beide
Gruppen wurzelten in einem bodenständigen Fundament ihrer Region, in der sich
slawische, awarische, karolingische und byzantinische Elemente und zum Teil eine
örtliche romanisierte Kultur überschnitten. Von dort verbreitete sich der
Slawenstamm der Kroaten einesteils in südliche Richtung nach dem Balkan,
anderseits nach Westen bis Ostböhmen.
Auch die dem Slawenstamm nahestehenden Serben, die sich in ähnlicher Weise
wie die Kroaten geteilt haben, besaßen laut Beschreibung der sog. Bayrischen
Geographen aus dem 9. Jh. eine ähnliche Überlieferung über die Stammheimat.
Diese Behauptungen wurden in Sagen weitergegeben, nur sind sie für die
Historiker keine verlässlichen Argumente. Die Berichte bezw. die Fragmente von
Berichten, die bisher zusammengetragen und analysiert wurden, enthalten mehr
Fragen als Antworten.
Diese schwierige Situation änderte sich durch Ausgrabungen von Archäologen.
Durch die ausgegrabene Keramik und die Begleitumstände der Fundstellen, konnten
die Bewegungen der Slawen zur Zeit der Völkerwanderung belegt werden. Es ist ein
Komplex von Fakten und Zusammenhängen, der bei den Forschungsarbeiten ermittelt
wird und einen Einblick in die Lebensweise, die Wirtschaftsformen, das Wohnen
und den kulturellen Entwicklungsstand gestattet.
In der Kulturgenese der Kroaten ist entsprechend ihren Siedlungsgebieten
sowohl eine Verschmelzung von adriatisch-mediteranen, pannonischen und
dinarischen Elementen, als auch eine Vielzahl fremdkultureller Einflüsse zu
erkennen.
So erreichten die dalmatinischen und istrischen Küstenstädte, in denen das
romanische Element schon im Spätmittelalter zunehmend kroatisiert wurde,
zwischen dem 13. und 18. Jh. unter den Einflüssen der vor allem aus Venedig,
Florenz und Rom ausgestrahlten europäischen Kultur- und Geistesrichtungen der
Gotik, der Renaissance, des Humanismus, des Barockes und der Aufklärung, eine
reiche wirtschaftliche und kulturelle Progressivität und Differenzierung. Vor
allem in Dubrovnik, in Split, Trogir, Sibenik und Zadar.
Zum Ende des 7. Jh. war das pannonische Kroatien Schauplatz von Machtkämpfen
zwischen dem Frankenreich und Byzanz. Bis dahin hatte ein byzantinischer
Einfluss
überwogen, der nur zeitweise vom Einfall der Awaren unterbrochen wurde. Aber
schon Mitte des 7. Jh. vertrieben die Kroaten die Awaren aus diesen Teil
Kroatiens.
Unter Karl dem Großen drangen dann die Franken ein.
Die in Pannonien lebenden und von Fürst Vojnomir angeführten Kroaten hatten
den Franken bei der Vernichtung der Awaren geholfen, mussten aber, ebenso wie
der Fürst der dalmatinischen Kroaten, die fränkische Oberhoheit anerkennen.
Die Franken beherrschten Istrien und Dalmatien mit Ausnahme der Küstenstädte
und der Inseln, die byzantinisch blieben. Aber schon 819 meuterten die
pannonischen Kroaten gegen die fränkische Oberherrschaft. Ihr Führer Ljudevit
von der Posavina bemühte sich um den Widerstand auch der anderen Stämme,
einschließlich der Kärntner und steirischen Slowenen und der dalmatinischen
Kroaten. Es gelang ihm auch eine Einigung, nachdem er den Fürst der
dalmatinischen Kroaten, Borna, besiegt hatte. Das Zentrum der kurzlebigen
Herrschaft von Ljudevit war Sisak bei Zagreb.
Nach einigen Feldzügen Ludwigs des Frommen war aber die Frankenmacht wieder
hergestellt und Ljudevit, der 823 zu den Serben und dann nach Dalmatien fliehen
musste, wurde ermordet.
Die dalmatinischen Kroaten hatten weiterhin ihre eigenen nationalen Herrscher
mit Sitz in Nin, wo auch ein selbständiges kroatisches Bistum entstand. Das
Christentum verbreitete sich hier unter Einfluß der Küstenstädte schon vom 7.
Jh. an. Die byzantinischen Städte an der Adria übten auf die dalmatinischen
Kroaten überhaupt eine starke Anziehungskraft aus und waren für sie von weit
größerer Bedeutung, als die nominelle fränkische Oberhoheit.
Die dalmatinischen Fürsten unterhielten freundschaftliche Beziehungen zu
Byzanz und übertrugen deswegen sogar ihren Sitz nach Klis in der Nähe von Split,
dem Sitz des Erzbischofs und Zentrum der byzantinischen Macht an der
dalmatinischen Küste. Ein Wandel bahnte sich erst 864 an. Damals riss Fürst
Domagoj die Macht in Dalmatien an sich und vertrieb Zdeslav, einen Anhänger von
Byzanz. Domagoj meuterte dann auch gegen den Nachfolger Ludwigs des Deutschen,
Karlmann, dessen Heer von den Kroaten im Jahre 876 besiegt wurde. In dieser
Schlacht fiel auch der pannonische Fürst Kocel, der den Franken Beistand
geleistet hatte.
Fürst Branimir besiegte mit Hilfe des Niner Bischofs Theodosius die
byzanzfreundlichen Adeligen (892). Zu diesem Zeitpunkt wurde faktisch über die
Eingliederung Kroatiens in die westliche Kultursphäre entschieden, der es auch
während seiner weiteren historischen Entwicklung angehörte, obwohl aus Pannonien
die slawische Liturgie nach Kroatien vordrang und sich als eine Art Rarität bis
auf den heutigen Tag erhielt.
Einen einheitlichen Staat, der das dalmatinische und pannonische Kroatien
vereinte, konnten die Kroaten erst im ersten Drittel des 10. Jh. bilden und zwar
durch die Tüchtigkeit seines Herrschers Tomislav (910-928), der auch zum ersten
Kroatenkönig gekrönt wurde und durch den Niedergang des ostfränkischen Reiches.
NARENTA-KROATEN UND VENEDIG
Das Jahr 1000. Am Himmelfahrtstag sticht ein venezianischer Flottenverband
ins Meer.
Er steht unter dem Befehl des Dogen Pietro II. Orseolo. Ziel ist die Ostküste
der Adria. Seit Jahrhunderten betreiben die venezianische Schiffe dort Handel,
aber diesmal ist es ein militärisches Unternehmen großen Stils. Die Einwohner
von Ossero (Oser), Italiener und Slawen, leisten dem Dogen feierlichen Treueeid.
Ebenso Zara (Zadar), wohin sich auch die Vertreter der Inseln Arbe (Rab) und
Veglia (Krk) begeben haben.
Es sind friedliche und feierliche Zeremonien, doch mit den Kroaten Dalmatiens
verlaufen die Dinge anders.
Der Doge unterwirft die Bewohner der Inseln Pasman und Vergada und nimmt bei
der Insel Cazza eine Einheit Narenta-Slawen gefangen, die seit Jahrhunderten
Feinde Venedigs sind. Der Doge erobert auch die Insel Curcola (Korcula), die ihm
widerstehen will und die als Korsarennest bekannte Insel Lagosta.
In triumphaler Fahrt fährt er dann der dalmatinischen Küste entlang zurück
nach Venedig. Die Expedition des Dogen Peter Orseolo ist nur die spektakulärste
Episode im langen Kampf Venedigs um die Sicherheit in der Adria.
Schon lange war eine Abrechnung mit den dalmatinischen Slawen fällig,
besonders aber mit den Narenta-Slawen, seit langem als gefährliche Korsaren
bekannt und gefürchtet. Der schreckliche Raub mehrerer Bräute durch
Narenta-Slawen bei einer großen Hochzeitsfeier in Santa Maria Formosa ist
vielleicht nur eine nicht belegte Legende. Aber die Angst der venezianischen
Bevölkerung vor den Korsarenüberfällen war sicher begründet.
Und eine geschichtliche Tatsache ist es, dass serbische Piraten Pietro Badoer
gefangennahmen. Er war der Sohn des regierenden Dogen und selbst künftiger Doge,
der gerade von einer diplomatischen Mission im Orient zurückkam.
Auch der Doge Pietro I. Candiano fand beim Kampf mit den Narenta-Slawen den
Tod.
Neben den Slawen waren auch die Sarazenen an der oberen Adria sehr gefährlich
geworden. Nach jahrelangen Kämpfen wurden sie schließlich endgültig verjagt.
Auf diese Ereignisse wird nach der Überlieferung die Herrschaft Venedigs über Istrien und Dalmatien zurückgeführt. Von da an trägt der Doge auch den Titel
„Herzog der Venezier und Dalmater”.
Es war eine jahrhundertelang unsichere Herrschaft, die erst 1420 gefestigt
wurde und zwar nach endlosen Streitigkeiten, Gefechten und Kriegen, besonders
gegen die Könige Ungarns, seitdem diese das Königreich Kroatien mit ihrem
eigenen vereint hatten.
Acht Jahre zuvor, also 992, hatte Pietro II. Orseolo einen noch größeren
Erfolg für sich verbuchen können. Er erhielt vom Kaiser von Byzanz eine „Goldene
Bulle”, die grundsätzlich das venezianische Primat im Seehandel zwischen Italien
und Konstantinopel bestätigte und den Venezianern die vollständige Kontrolle der
Schiffahrt überließ.
Wie auch immer, die folgenden neunzig Jahre brachten eine Festigung der
Stellung Venedigs und damit die Voraussetzung für den künftigen Wohlstand in der
Lagunenstadt. |