Ein historischer Querschnitt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Völkerwanderung
Kriegswesen
Landwirtschaft
Handwerk und Handel
Kulturelle Entwicklung
Recht
Sozialordnung
Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges der Slawen
Wendenkreuzzug - Christianisierung und Germanisierung
Die große Expansion der Slawen
Balkanvorstoß
Die Osmanen
Die Kroaten
Die Slowenen
Mährische Reich
Die Serben
Der böhmische Premyslidenstaat als Erbe des grossmährischen Reiches
Der polnische Piastenstaat
Die slawische Expansion nach Osteuropa
Die Anfänge des Kiewer Reiches
Die Rolle der normannischen Waräger in der Geschichte der Ostslawen
Epilog
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DER POLNISCHE PIASTENSTAAT

Die Anfänge der polnischen Geschichte hüllen sich in ein Dunkel, das noch einhundert Jahre länger währt als bei den Tschechen und Slowaken. Im Licht der Geschichte erscheint um das Jahr 963 König Mieszko I. an der Spitze eines starken Staates der so stark war, dass er sogar den Expansionsbestrebungen des mächtigen deutschen Reiches standhalten konnte.

Dass schon vor 963 ein langer Vereinigungsprozess stattgefunden haben muss, zu dessen Kristallisierungskern schließlich der Stamm der Polanen wurde, steht indessen fest. Die Polanen werden, ähnlich wie im Falle der Tschechen, den anderen Stämmen ihren Namen gegeben haben.

Wahrscheinlich hat sich diese Entwicklung im 9. Jh. abgespielt. Aber aus dieser Zeit sind fast nur bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Stammesnamen bekannt. Daneben gibt es Legenden über den Ursprung des Piastenhauses, aus dem Mieszko I. hervorgegangen ist. Etwas genauere Informationen aus dem 9. Jh. gibt es nur über den südlichen Landesteil, das sogenannte Kleinpolen.

In der zweiten Hälfte des 9. Jh., der Blütezeit des Großmährischen Reiches, entstand an der oberen Weichsel (Wisla) ein Staat der Wislanen. Er war bereits den bayrischen Geographen bekannt. Der angelsächsische König Alfred der Große (871-901) kannte den Staat als das Wisleland, ein östlich von Mähren liegendes Land. Am besten wird man über dieses Land jedoch in der Geschichte über das Leben des Slawenapostels Methodius unterrichtet.

Ein mächtiges Staatsgebilde nördlich der Mährischen Pforte war den mährischen Fürsten sicherlich ein unliebsamer Nachbar. Durch das Land der Wislanen führten überdies Handelswege, die Mittel-, bezw. Westeuropa mit dem Kiewer Staat verbanden. Dieser Umstand könnte auch den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg der Wislanen ausgelöst haben. Zentren, die von der archäologischen Forschung freigelegt wurden, zeugen von der Entwicklung der Wislanen. Die größte Bedeutung erlangte jedoch KRAKOW, das zum wichtigsten Wislanenzentrum wurde.

Die Sage nennt als den Gründer von Krakow den legendären Krak, dessen riesiger Grabhügel südlich der Stadt gezeigt wurde. Entgegen der Sage haben archäologische Forschungen die Funktion dieses künstlich aufgeworfenen, 17 m hohen Hügels aufgeklärt. Demnach handelt es sich um ein symbolisches Grab oder ein Kultobjekt, das nach den Funden schon im 7. Jh. entstanden ist. In diese Zeit reichen auch die Uranfänge der Besiedlung des Wawel, einer Anhöhe, welche die ganze Umgebung von KRAKAU dominiert.

Der Wislanenfürst, der im Leben des Apostel Method erwähnt wird, residierte zweifellos hier und sein Herrschaftsgebiet geriet nach der erfolglosen Kraftprobe mit Svatopluk in eine Abhängigkeit von Mähren. Das scheint der bei Ibrahim ibn Jakub vorkommende Vermerk zu bestätigen, dass auch der bömische Fürst Boleslav in Krakau regiert habe. Es war dies übrigens die erste Erwähnung von Krakau. Ende des 10. Jh. gehörten aber Krakau und das ganze einstige Wislanenterritorium schon zum polnischen Staat.

Krakau büßte dabei nichts von seiner Bedeutung ein. Im Jahre 1000 wurde es Bischofssitz. Ab der zweiten Hälfte des 11. Jh. diente es häufig als Residenzstadt der polnischen Könige und spielte eine wichtige Rolle in der Kulturgeschichte und politischen Geschichte Polens. Zur Bedeutung Krakaus trugen seine Lagen, sowohl zentral inmitten fruchtbarer Agrargebiete, als auch an der Handelsstraße zwischen Kiew und Prag bei. Außerdem waren die Nähe von Salinen und der Aufschwung der handwerklichen Produktion günstige Voraussetzungen.

Maßgeblich für die Entwicklung der polnischen Staatlichkeit war der Mittelteil des Landes, das sogenannte GROSSPOLEN. Es war das Land der Polanen, deren Stamm unter anderem Namen wahrscheinlich schon vor dem 10. Jh bekannt gewesen ist, wenn man dem bayrischen Geographen trauen darf, bei dem verlässliche Informationen mit äußerst zwielichtigen wechseln. Er erwähnt außerdem noch die Stämme der Goplanen und Lendizen auf dem Gebiet Großpolens.

Der zentrale Ort für den Stamm der Lendizen war Gniezno. Laut dem Zeugnis östlicher und westlicher Quellen (Thietmar von Merseburg und Ibrahim ibn Jakub) regierte hier auch der erste historische Polenkönig Mieszko I..Er war ein mächtiger Souverän der ein ständiges Gefolge von 3.000 Mann befehligte und der die politische Bedeutung der Christianisierung durch erste Missionare aus Böhmen begriff. Er förderte deswegen die Gründung (968) eines direkt Rom unterstellten Bistums in Poznan und erreichte damit die Unabhängigkeit von der Reichskirche.

Sein Wirken machte ihn zum Gründer eines mächtigen slawischen Staates, der in der Geschichte Mitteleuropas eine bedeutende Rolle spielen sollte. Diese Rolle machte sich schon unter seinem hervorragenden Nachfolger Boleslaw dem Tapferen (992-1025) bemerkbar. Er festigte den Staat durch eine politische und kirchliche Organisation. Unter anderem wurde Gniezno in den Rang eines Erzbistums erhoben.

Boleslaw erlangte den Königstitel. Um Haaresbreite verfehlte er die kühne Idee eines böhmisch-polnischen Staates, als er nach dem Tod Boleslavs II. im Jahr 999 und der Absetzung von dessen unfähigem Nachfolger Boleslav III., vorübergehend Böhmen, Mähren und einen Teil der Slovakei besetzt hielt und sich zum böhmischen Fürsten erklärte. Die Idee scheiterte am Widerstand des deutschen Königs Heinrich II., der die vertriebenen Premyslidenfürsten Jaromir und Oldrich unter seinen Schutz nahm und ihnen wieder zum Fürstenthron verhalf.

Nach dem Tod des fähigen Mieszko II. (1025-1034) war es diesmal der böhmische Fürst Bretislav I. der in Polen einfiel, Gniezno verwüstete und die Gebeine des hl. Adalbert nach Prag zurückholte. Boleslavs Idee zur Schaffung eines böhmisch-polnischen Staates hätte also auch von böhmischer Seite durch Fürst Bretislav I. in die Tat umgesetzt werden können. Aber wieder war es der deutsche König, an dem das Vorhaben scheiterte. Heinrich III. fürchtete einen mächtigen slawischen Staat in seiner Nachbarschaft und nahm sich des vertriebenen Piastenkönigs Kasimir I. an. Auf diese Weise blieben beide Staaten, der tschechische und der polnische, die einander damals noch sehr nahe standen, in jeweils eigenen Staaten voneinander getrennt.

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© 2006 Michael Klobutschar Impressum & Literaturhinweise www.slawen-in-europa.eu.tf