DER POLNISCHE PIASTENSTAAT
Die Anfänge der polnischen Geschichte hüllen sich in ein Dunkel, das noch
einhundert Jahre länger währt als bei den Tschechen und Slowaken. Im Licht der
Geschichte erscheint um das Jahr 963 König Mieszko I. an der Spitze eines
starken Staates der so stark war, dass er sogar den Expansionsbestrebungen des
mächtigen deutschen Reiches standhalten konnte.
Dass schon vor 963 ein langer Vereinigungsprozess stattgefunden haben muss,
zu dessen Kristallisierungskern schließlich der Stamm der Polanen wurde, steht
indessen fest. Die Polanen werden, ähnlich wie im Falle der Tschechen, den
anderen Stämmen ihren Namen gegeben haben.
Wahrscheinlich hat sich diese Entwicklung im 9. Jh. abgespielt. Aber aus
dieser Zeit sind fast nur bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte Stammesnamen
bekannt. Daneben gibt es Legenden über den Ursprung des Piastenhauses, aus dem
Mieszko I. hervorgegangen ist. Etwas genauere Informationen aus dem 9. Jh. gibt
es nur über den südlichen Landesteil, das sogenannte Kleinpolen.
In der zweiten Hälfte des 9. Jh., der Blütezeit des Großmährischen Reiches,
entstand an der oberen Weichsel (Wisla) ein Staat der Wislanen. Er war bereits
den bayrischen Geographen bekannt. Der angelsächsische König Alfred der Große
(871-901) kannte den Staat als das Wisleland, ein östlich von Mähren liegendes
Land. Am besten wird man über dieses Land jedoch in der Geschichte über das
Leben des Slawenapostels Methodius unterrichtet.
Ein mächtiges Staatsgebilde nördlich der Mährischen Pforte war den mährischen
Fürsten sicherlich ein unliebsamer Nachbar. Durch das Land der Wislanen führten
überdies Handelswege, die Mittel-, bezw. Westeuropa mit dem Kiewer Staat
verbanden. Dieser Umstand könnte auch den wirtschaftlichen und politischen
Aufstieg der Wislanen ausgelöst haben. Zentren, die von der archäologischen
Forschung freigelegt wurden, zeugen von der Entwicklung der Wislanen. Die größte
Bedeutung erlangte jedoch KRAKOW, das zum wichtigsten Wislanenzentrum wurde.
Die Sage nennt als den Gründer von Krakow den legendären Krak, dessen
riesiger Grabhügel südlich der Stadt gezeigt wurde. Entgegen der Sage haben
archäologische Forschungen die Funktion dieses künstlich aufgeworfenen, 17 m
hohen Hügels aufgeklärt. Demnach handelt es sich um ein symbolisches Grab oder
ein Kultobjekt, das nach den Funden schon im 7. Jh. entstanden ist. In diese
Zeit reichen auch die Uranfänge der Besiedlung des Wawel, einer Anhöhe, welche
die ganze Umgebung von KRAKAU dominiert.
Der Wislanenfürst, der im Leben des Apostel Method erwähnt wird, residierte
zweifellos hier und sein Herrschaftsgebiet geriet nach der erfolglosen
Kraftprobe mit Svatopluk in eine Abhängigkeit von Mähren. Das scheint der bei
Ibrahim ibn Jakub vorkommende Vermerk zu bestätigen, dass auch der bömische
Fürst Boleslav in Krakau regiert habe. Es war dies übrigens die erste Erwähnung
von Krakau. Ende des 10. Jh. gehörten aber Krakau und das ganze einstige
Wislanenterritorium schon zum polnischen Staat.
Krakau büßte dabei nichts von seiner Bedeutung ein. Im Jahre 1000 wurde es
Bischofssitz. Ab der zweiten Hälfte des 11. Jh. diente es häufig als
Residenzstadt der polnischen Könige und spielte eine wichtige Rolle in der
Kulturgeschichte und politischen Geschichte Polens. Zur Bedeutung Krakaus trugen
seine Lagen, sowohl zentral inmitten fruchtbarer Agrargebiete, als auch an der
Handelsstraße zwischen Kiew und Prag bei. Außerdem waren die Nähe von Salinen
und der Aufschwung der handwerklichen Produktion günstige Voraussetzungen.
Maßgeblich für die Entwicklung der polnischen Staatlichkeit war der
Mittelteil des Landes, das sogenannte GROSSPOLEN. Es war das Land der Polanen,
deren Stamm unter anderem Namen wahrscheinlich schon vor dem 10. Jh bekannt
gewesen ist, wenn man dem bayrischen Geographen trauen darf, bei dem
verlässliche Informationen mit äußerst zwielichtigen wechseln. Er erwähnt
außerdem noch die Stämme der Goplanen und Lendizen auf dem Gebiet Großpolens.
Der zentrale Ort für den Stamm der Lendizen war Gniezno. Laut dem Zeugnis
östlicher und westlicher Quellen (Thietmar von Merseburg und Ibrahim ibn Jakub)
regierte hier auch der erste historische Polenkönig Mieszko I..Er war ein
mächtiger Souverän der ein ständiges Gefolge von 3.000 Mann befehligte und der
die politische Bedeutung der Christianisierung durch erste Missionare aus Böhmen
begriff. Er förderte deswegen die Gründung (968) eines direkt Rom unterstellten
Bistums in Poznan und erreichte damit die Unabhängigkeit von der Reichskirche.
Sein Wirken machte ihn zum Gründer eines mächtigen slawischen Staates, der in
der Geschichte Mitteleuropas eine bedeutende Rolle spielen sollte. Diese Rolle
machte sich schon unter seinem hervorragenden Nachfolger Boleslaw dem Tapferen
(992-1025) bemerkbar. Er festigte den Staat durch eine politische und kirchliche
Organisation. Unter anderem wurde Gniezno in den Rang eines Erzbistums erhoben.
Boleslaw erlangte den Königstitel. Um Haaresbreite verfehlte er die kühne
Idee eines böhmisch-polnischen Staates, als er nach dem Tod Boleslavs II. im
Jahr 999 und der Absetzung von dessen unfähigem Nachfolger Boleslav III.,
vorübergehend Böhmen, Mähren und einen Teil der Slovakei besetzt hielt und sich
zum böhmischen Fürsten erklärte. Die Idee scheiterte am Widerstand des deutschen
Königs Heinrich II., der die vertriebenen Premyslidenfürsten Jaromir und Oldrich
unter seinen Schutz nahm und ihnen wieder zum Fürstenthron verhalf.
Nach dem Tod des fähigen Mieszko II. (1025-1034) war es diesmal der
böhmische Fürst Bretislav I. der in Polen einfiel, Gniezno verwüstete und die
Gebeine des hl. Adalbert nach Prag zurückholte. Boleslavs Idee zur Schaffung
eines böhmisch-polnischen Staates hätte also auch von böhmischer Seite durch
Fürst Bretislav I. in die Tat umgesetzt werden können. Aber wieder war es der
deutsche König, an dem das Vorhaben scheiterte. Heinrich III. fürchtete einen
mächtigen slawischen Staat in seiner Nachbarschaft und nahm sich des
vertriebenen Piastenkönigs Kasimir I. an. Auf diese Weise blieben beide Staaten,
der tschechische und der polnische, die einander damals noch sehr nahe standen,
in jeweils eigenen Staaten voneinander getrennt. |