Ein historischer Querschnitt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Völkerwanderung
Kriegswesen
Landwirtschaft
Handwerk und Handel
Kulturelle Entwicklung
Recht
Sozialordnung
Die Tragödie des nordwestlichen Zweiges der Slawen
Wendenkreuzzug - Christianisierung und Germanisierung
Die große Expansion der Slawen
Balkanvorstoß
Die Osmanen
Die Kroaten
Die Slowenen
Mährische Reich
Die Serben
Der böhmische Premyslidenstaat als Erbe des grossmährischen Reiches
Der polnische Piastenstaat
Die slawische Expansion nach Osteuropa
Die Anfänge des Kiewer Reiches
Die Rolle der normannischen Waräger in der Geschichte der Ostslawen
Epilog
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derStandard.at/dieEchtzeit|ung

DIE TRAGÖDIE DES NORDWESTLICHEN ZWEIGES DER SLAWEN

Die in den östlichen Gebieten des heutigen Deutschlands ansässigen Stämme gehörten zu den Nord-Westslawen. Es handelte sich um die Völker der Obotriten, der Ranen und der Wilzen im Norden, der Heveller, Sprevaren und Lusizer im Gebiet von Havel und Spree und der Milzener und Sorben in der Region zwischen Erzgebirge und Thüringen. Es gab außerdem noch die Main- und Rednitzwenden, ansässig im Gebiet des heutigen Ober- und Mittelfranken. Östlich davon schloss das Territorium der späteren Tschechen an.

Für die Westslawen im ostfränkischen Grenzgebiet setzte sich bald die altrömische Bezeichnung „Wenden” durch. Über die ersten Stadien des slawischen Vordringens ist sehr wenig überliefert, über Lebensweise, Religion und Entwicklung des Sozialgefüges immerhin einiges. Außer Grabungsfunden, existieren die schriftlichen Zeugnisse mehrerer mittelalterlicher Autoren, wie der Kleriker Thietmar von Merseburg, Widukind von Corvey und des Reisenden Abraham Jacobson, der sich im Jahre 973 n. Chr. mit der Gesandschaft des Kalifen von Cordoba am Hofe des Sachsenkaisers Otto I. aufhielt.

Die grundsätzliche soziale Einheit der Slawen war das Dorf. Weide und Ackerland wurden gemeinschaftlich besessen und genutzt. Bei den Wenden scheint es, dass sie der Viehhaltung vor der Ackerwirtschaft immer den Vorzug gaben und eine besondere Geschicklichkeit in der Bienenzucht entwickelten.

Entscheidungen und Aufsicht über den gesamten Wirtschaftsbetrieb eines Dorfes oblagen dem Dorfältesten oder Starosten. Dörfliche Siedlungen lagen bevorzugt in der Nähe von Burgen, die in Konfliktfällen eine Zufluchtsstätte boten. Es entstanden förmliche Burgenketten. Aus dem Starosten war längst ein Burgherr und schließlich ein Gaufürst oder Zupan geworden. Für Zwecke der militärischen Verteidigung bildete sich eine eigene Kriegskaste. Die bisherige Beschreibung der vergleichsweise hoch entwickelten Sozialordnung ist vorwiegend am Beispiel der Obotriten erfolgt. Die östlicher und südlicher siedelnden Wilzen haben eine vergleichbare Form des zentralistischen Zusammenschlusses nie erlangt. Gruppen- und Stammeshändel gab es bei allen slawischen Völkern, auch darin unterschieden sie sich nicht von den germanischen Nachbarn.

Die Slawen zogen den Krieg dem Frieden vor und achteten alles Elend gering. Widukind von Corvey stellte dazu fest: „Dieser Menschenschlag ist nämlich hart und scheut keine Anstrengung, gewöhnt an karge Nahrung, halten Slawen für eine Lust, was uns als eine schwere Last erscheint. Die einen kämpfen für ihren Kriegsruhm und die Ausdehnung ihrer Herrschaft, die anderen aber für ihre Freiheit und gegen die schlimmste Sklaverei.”

Was die Umgangsformen anlangt, berichtet Helmold von Bosau, der an der Grenze zu den Wenden als Priester wirkte: „Dass kein Volk, was Gastlichkeit anlangt, ehrenwerter ist als die Slawen. Denn in der Bewirtung der Gäste sind alle eines Sinnes und gleich eifrig, so dass niemand um eine gastliche Aufnahme zu bitten braucht. Was sie durch Ackerbau, Fischerei und Jagd erwerben, geben sie mit vollen Händen hin und preisen den als Tapfersten, der am meisten verschwendete, weshalb viele durch die Sucht hierin Aufsehen zu erregen, sich sogar zu Diebstahl und Raub verleiten lassen.” Widukind und Helmold waren parteiische Autoren. Ihr Ziel war die Rechtfertigung der Christianisierung.

Aber Raubkriege waren sowohl bei den Slawen als auch bei den Germanen das Übliche. Gefangene wurden als Sklaven gehalten oder verkauft, sofern man sie nicht im Dienst der Religion hinschlachtete. In diesen Eigenschaften haben sich die Slawen von ihren germanischen Nachbarn nicht unterschieden.

Die Religion scheint nach einer einfachen manichäischen Ordnung funktioniert zu haben: Es gab einen lichten Gott, sowie dessen bösen und düsteren Widerpart, Belbog und Czernibog. Auch von einer weiblichen Göttin namens Siwa ist die Rede, einem Ernte- und Fruchtbarkeitsidol. Die großen religiösen Festlichkeiten hielten sich eng an den Ablauf des Sonnenjahres. Es bestand eine Priesterkaste, die sehr angesehen war. Weiße Rösser galten als heilige Tiere. Für Obotriten und Wilzen bezeugt, sind verschiedene Tempelanlagen eines Gottes namens Swantewit. Die Bestrebungen zur Christianisierung des Gebietes östlich der Elbe dauerte ca. 300 Jahre und waren so wie anderswo, eigentlich oft bloß der Vorwand oder das Vehikel für rein imperiale Interessen.

Es gab vom 11. bis 13. Jh. insgesamt sieben große Kreuzzüge ins Heilige Land, in das von muslimischen Seldschuken eroberte Palästina mit Jerusalem, der heiligen Stadt der Christenheit. Dieses Gebiet sollte von christlichen Truppen zurückgewonnen werden. Es gab zur gleichen Zeit kreuzzugähnliche Unternehmungen auch anderswo und in anderer Richtung. Eine davon war der Wendenkreuzzug vom Jahre 1147, den die norddeutschen Fürsten, unter Führung von Welfenherzog Heinrich dem Löwen, gegen die slawischen Völkerschaften östlich der Elbe durchführten. Er fand parallel zum zweiten Kreuzzug statt, an dem teilzunehmen Papst Eugen III. dem Welfenherzog und seinen Verbündeten ihres ostelbischen Abenteuers wegen erließ. Die Slawen waren durch die Völkerwanderung in die devastierten Regionen östlich von Saale, Unstrut und Elbe eingesickert.

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© 2006 Michael Klobutschar Impressum & Literaturhinweise www.slawen-in-europa.eu.tf